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Sicherheit · No. I

Die Spielzeug-Reform 2025 — was sich an EN 71 und Chemikalien-Recht ändert

Die EU Toy Safety Regulation ersetzt die Richtlinie 2009/48/EG, verschärft Chemikalien-Vorgaben und bringt einen digitalen Produktpass — Folgen für DACH-Hersteller.

Die europäische Spielzeug-Sicherheit hat 2025 ihren tiefsten regulatorischen Schnitt seit 1988 vollzogen. Mit der Verabschiedung der EU Toy Safety Regulation (TSR) wird die Spielzeug-Richtlinie 2009/48/EG abgelöst — eine Richtlinie wird zu einer unmittelbar geltenden Verordnung. Der formale Wechsel hat praktische Folgen: Mitgliedstaaten müssen die Vorgaben nicht mehr umsetzen, sondern wenden sie direkt an. Für deutsche, österreichische und Schweizer Hersteller bedeutet das veränderte Notifikations-Pflichten, neue Stoff-Verbote und einen digitalen Produktpass, der die Konformitäts-Dokumentation grundlegend umgestaltet.

Von der Richtlinie zur Verordnung

Die 2009/48/EG war eine Modernisierung der ursprünglichen Spielzeug-Richtlinie 88/378/EWG. Sie führte die Begriffe „Konformitätserklärung” und „CE-Kennzeichnung” für Spielzeug in der heute bekannten Form ein und stützte sich auf die harmonisierte Norm-Reihe EN 71 — Teil 1 (Mechanische und physikalische Eigenschaften), Teil 2 (Entflammbarkeit), Teil 3 (Migration bestimmter Elemente) sowie die weiteren Teile bis EN 71-14 (Trampoline). Die TSR übernimmt diese Norm-Architektur, erweitert sie aber um neue Stoff-Gruppen und einen Mechanismus zur Aktualisierung ohne erneutes Gesetzgebungs-Verfahren — eine Reaktion auf den Umstand, dass die 2009er Richtlinie für jede Anpassung des Anhangs II eine politische Befassung benötigte.

Chemikalien-Verschärfung — PFAS und Bisphenole

Der inhaltlich folgenreichste Block der Reform betrifft die Chemikalien-Vorschriften. Per- und polyfluorierte Alkyl-Substanzen (PFAS) sind in Spielzeug künftig grundsätzlich verboten — eine Ausweitung des bisherigen Einzel-Stoff-Ansatzes auf die gesamte Stoff-Familie. Das betrifft Beschichtungen wasserabweisender Plüsch-Produkte ebenso wie Outdoor-Spielwaren mit Imprägnierung.

Bei Bisphenolen erweitert die TSR das bestehende Bisphenol-A-Verbot (gültig seit 2011 in Babyflaschen, seit 2018 in Thermo-Papier) auf strukturell verwandte Stoffe wie Bisphenol S und Bisphenol F. Die Migrationsgrenzen für Schwermetalle der EN 71-3 — bisher 19 Elemente, darunter Arsen, Blei, Cadmium und Quecksilber — werden in der TSR auf 24 Elemente erweitert und teilweise um eine Größenordnung gesenkt. Endokrin wirksame Stoffe (EDC), bislang nur in einer EU-weiten Kandidatenliste geführt, erhalten erstmals ein eigenes Verbots-Regime.

Digitaler Produktpass ab 2027

Mit der TSR wird Spielzeug eines der ersten Produkt-Segmente, das den digitalen Produktpass (DPP) verpflichtend führt. Ab Mitte 2027 muss jedes in der EU in Verkehr gebrachte Spielzeug einen maschinenlesbaren Code tragen, der zu einer strukturierten Datei mit Material-Zusammensetzung, Konformitäts-Nachweisen, Hersteller-Kontakt und Hinweisen zur Entsorgung führt. Für DACH-Hersteller bedeutet das eine Investition in Daten-Infrastruktur — die Konformitätserklärung wird vom PDF im Aktenordner zur strukturierten Datenbank-Abfrage.

Die Übergangsfristen sind gestaffelt: Produkte, die zum Stichtag bereits in der Lieferkette sind, dürfen abverkauft werden; Neu-Inverkehrbringen ohne DPP ist nicht möglich. Der Bundesverband des Deutschen Spielwaren-Einzelhandels (BVS) hat seit Sommer 2025 eine Hotline zur DPP-Einführung eingerichtet, der Deutsche Verband der Spielwaren-Industrie (DVSI) begleitet die Hersteller mit Branchen-Templates.

CE-Konformitätsbewertung — was sich an EN 71 ändert

Auf Norm-Ebene wird EN 71 nicht ersetzt, sondern stetig nachgezogen. Teil 1 wird um Vorgaben für „smart toys” mit Mikrofon, Kamera oder Bluetooth-Konnektivität erweitert — eine Lehre aus dem Bundesnetzagentur-Verbot der Puppe „My Friend Cayla” im Februar 2017 wegen unzulässiger Sende-Anlagen. Teil 12 (3D-Schaukeln und Spielgeräte für den Hausgebrauch) wird erstmals mit einer separaten Gebrauchsanleitungs-Vorgabe verbunden, die in deutscher, französischer und italienischer Sprache vorliegen muss.

Hersteller mit Eigen-Konformitätsbewertung — der häufigste Fall bei Holz-Spielzeug der DACH-Mittelständler wie Haba, Selecta oder Spielstabil — müssen die technische Dokumentation um eine Risiko-Bewertung der Chemikalien-Migration unter realen Nutzungs-Bedingungen erweitern. Die bisherige Berufung auf den EN 71-3-Migrations-Test alleine reicht für mehrere Stoffgruppen nicht mehr.

Vergleich mit der US-Linie CPSIA

Der Consumer Product Safety Improvement Act (CPSIA) von 2008 ist die US-amerikanische Antwort auf die Blei-Skandale chinesischer Spielzeug-Importe der mittleren 2000er Jahre. Er gilt seit jeher als chemisch strenger in einzelnen Aspekten (Blei-Gesamt-Gehalt-Grenze von 100 ppm in Kinderprodukten, kein Migrations-Test), aber prozedural weniger einheitlich. Die TSR holt in der Sache auf und übertrifft den CPSIA bei PFAS und endokrin wirksamen Stoffen deutlich. Wer in beide Märkte exportiert, kommt nicht mehr mit einem Dokumenten-Set aus — ein Faktum, das in der jährlichen Branchen-Diskussion der Spielwarenmesse Nürnberg seit 2024 prominent verhandelt wird.


Ressort: Sicherheit